Sanfter Widerhaken (Feuilleton)
 
     
 

Jenseits von Afrika: Zum Siebzigsten von Roger Whittaker

Einer wie er spielt tragende Rollen in englischen Filmen. Nicht in den düsteren jungen, die wütend oder müde lächelnd Großbritanniens Niedergang beobachten, sondern in denen, die "Peyton Place", "Stolz und Vorurteil" oder "Eine zauberhafte Nanny" heißen. Jane Austen also, J. K. Rowling oder Rosamunde Pilcher könnten Roger Whittaker erfunden haben. Daß man dem Sänger, der unvergängliche Gelassenheit und Güte ausstrahlt, zumindest in Deutschland auch die Kitschmeisterin Pilcher unterstellt, hat er sich selbst zuzuschreiben. Denn Liedern wie "Sieben Jahre, sieben Meere" oder "Du warst mein schönster Traum" läßt sich auch bei gutem Willen und trotz imponierender hiesiger Verkaufszahlen keinerlei künstlerischer Mehrwert bescheinigen.

Aber den Zenit seiner Karriere erreichte der Sänger mit dem unverkennbaren angenehmen Bariton im Zeichen der Großen Englands - geboren in Nairobi als Sohn von Einwanderern aus Staffordshire, Student in Kapstadt, Abbruch des Studiums und Rückkehr nach Kenia, wo er als Lehrer arbeitete, bis er sich 1959 an der Universität von Wales als Zoologe und Meeresbiologe ausbilden ließ. Ein Werdegang, wie man ihn kaum farbiger und englischer dichten könnte.

Ihm entsprechen die ersten Schritte als Musiker: Folksänger in Clubs von Nairobi, dasselbe zunächst in England, wo er zwei Jahre später mit seiner Gitarre in einem Plattenstudio stand. "Steel Man", seine zweite Platte, gelangte in die englischen Hitparaden, ein Auftritt beim Songfestival im belgischen Knokke, einer Art Anti-Grand-Prix, machte ihn 1963 zum europäischen Geheimtip.

Roger Whittaker erfüllte die Erwartungen 1969 mit "The Leavin'", dem als Welthit die noch deutlichere Antikriegsballade "The Last Farewell" folgte. Mit schlichten Sätzen beschwor Whittaker das ewige Leiden aller, das vergebliche Weinen und hilflose Sich-Fügen der Frauen, den beklommenen Abschied der Männer und ihr unerweichliches Pflichtgefühl. Den "sanften Rebellen" nannte man ihn international, bis aus dem Markenzeichen ein Korsett wurde. Der allzeit väterlich Lächelnde, so schloß ihn das deutsche Schlagerpublikum in sein Herz - und dort wohnt er noch immer, wie die ausverkauften Konzerte anläßlich seines heutigen siebzigsten Geburtstags beweisen.

1976 ließ "The Last Farewell" Millionen in aller Welt für einen Moment nachdenken. Das ist ein großer Erfolg. Etwas weniger erfolgreich, aber von vielleicht nachhaltigerer Wirkung war ein anderer Whittaker-Song jener Jahre: "I Don't Believe In If Anymore", verhalten und schmeichelnd gesungen wie gewohnt, legte Rechenschaft ab über den Kleinmut und seine verheerenden Folgen, über das ewige "Jein", das so oft unser Lieben und Leben bestimmt. Eine bittere Anklage, Widerhaken, gesungen mit wissender Resignation. Deswegen achtet man Roger Whittaker, auch wenn er jetzt hundertmal "Es soll so bleiben" säuselt.

DIETER BARTETZKO

 
     
 
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2006, Nr. 69  
 
     
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